Posts Tagged 'WM'

Nationalismus und Patriotismus

Bei den Freund_innen von Mandi und Büsra scheint es völlig normal zu sein, Deutschlandfahnen zu schwenken, mit Deutschlandmützen und -trikots durch die Stadt zu laufen und Deutschland zu feiern. Warum dieser Ausdruck des Stolzes auf die deutsche Nation generell und bei Großereignissen wie der WM nicht ganz unproblematisch ist, soll im Folgenden erklärt werden.

Was ist eigentlich Nationalismus?

In dem Begriff Nationalismus steckt das Wort Nation. Die Nation ist ein Konstrukt, das mit der Entstehung des Kapitalismus (Begriffserklärung), also dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System, in dem wir im Moment leben, zu einem wichtigen gesellschaftlichen Ordnungsmodell wurde. Konstrukt heißt, dass es weder von irgendeinem „Gott“ geschaffen wurde, noch einer aus der Natur gewachsenen Ordnung entspricht, sondern von Menschen erdacht und durchgesetzt wurde. Drei wesentliche Bestandteile der Konstruktion von Nation sind Grenzziehungen, Tradition und Identifikation.

Grenzziehungen: Grundlage für eine Nation sind feste Grenzen, die ein „Innen“ und ein „Außen“ festlegen. Durch den Staat und die Staatsapparate (beispielsweise Parlamente, Polizei, Ämter) wird diesem Gebiet seine Form gegeben. Die Menschen in diesem Gebiet gehören dann zu dieser Nation. Diese Grenzziehungen sind somit künstlich festgelegt und haben sich historisch immer wieder verändert.

Tradition: Unter Tradition versteht man die Überlieferung von Ritualen und Bräuchen über Generationen hinweg. Die Kon-struktion einer nationalen Identität erfolgt durch Weitergabe von Geschichten und Mythen, die immer einen positiven Blick auf die eigene Nation vermitteln. Häufig bezieht man sich dabei auf eine beschönigende Darstellung historischer Ereignisse, um dadurch das nationale Selbstbewusstsein zu stärken. Es wird versucht Deutschland mit positiven Traditionen und Tugenden in Verbindung zu bringen, wie zum Beispiel der Bezug auf „ein Land der Dichter und Denker“ oder auf eine vermeintliche „Deutsche Wertarbeit“. Ebenso wird versucht einen nationalen Charakter zu
schaffen, indem man den Deutschen bestimmte Tugenden unterstellt, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Ordnung und Kampf-geist. Diese Beschreibungen wurden nach der Fußballweltmeisterschaft 1954, dem „Wunder von Bern“, auf die Nationalmannschaft abgebildet, indem man feststellte, dass die Mannschaft technisch keine gute sei, aber dass sie gekämpft und dadurch für eine nationale Wiederauferstehung nach dem Zweiten Weltkrieg gesorgt habe („Wir sind wieder wer“). Anders als es im Film dazu im Jahr 2002 dargestellt wird, stieß das Endspiel im Jahr 1954 allerdings auf wenig Aufmerksamkeit bei der Bevölkerung. Dies alleine schon aus dem Grund, dass Fernseher wenig verbreitet waren. Heutzutage dient das Ereignis aber als Markierung einer männlichen deutschen Fußballtradition.

Identifikation: Für das Funktionieren einer Nation wie Deutschland ist es wichtig, dass die Menschen sich mit dieser identifizieren. Identifikation heißt hierbei, dass der_die Einzelne sich als Teil der Nation sieht und entsprechend die nationalen Traditionen als die eigenen annimmt. Dadurch wird ein „Wir“ geschaffen, das aus denjenigen besteht, die sich ebenfalls diesen Traditionen verpflichtet fühlen. In der Folge entsteht notwendigerweise auch ein „die Anderen“, die von dem „Wir“ nicht als zur Nation zugehörig gesehen werden. Es kommt zu einer Aufwertung des „Wir“ bzw. einer Abwertung „der Anderen“ (siehe auch Begriff: Rassimus), um die eigene nationale Identität zu stärken.
Damit die Menschen Teil der Gemeinschaft Nation sein können, ist es erforderlich, dass sie die Sitten und Gebräuche praktizieren. Wird das abgelehnt, führt dies zu Problemen, was man zum Beispiel während einer Fußball-Weltmeisterschaft gut erkennen kann: Ohne Trikot, Deutschland-Fahne auf der Wange oder in der Hand kann es schon einmal vorkommen, dass man komische Blicke erntet oder sich mit Nachfragen konfrontiert sieht, ob man denn nicht für Deutschland sei. Funktioniert hingegen die Teilhabe am Konstrukt der Nation, werden bei Großereignissen gesellschaftliche Konflikte sehr schnell nebensächlich. Ob Arbeitnehmer_innen oder Chef_innen, Jung oder Alt, beim gemeinsamen Deutschlandfeiern liegen sich alle in den Armen.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass eine Nation grundsätzlich die Idee eines einheitlichen nationalen Interesses beinhaltet. Diese Einheit und die Zugehörigkeit dazu werden mit Hilfe von Grenzen des Staatsgebietes und Traditionen (Geschichte, Wertesystem, Sitten) konstruiert.
Die emotionale Bindung der Menschen an die Nation soll zu einem Zusammenhalt führen, der im Gegensatz zu den individuell ganz unterschiedlichen Interessen im kapitalistischen Wirtschaftssystem stehen soll. Im Kapitalismus stehen die Menschen in ständiger Konkurrenz zueinander.
Die gemeinsame Nation soll ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen, damit Enttäuschungen, die der Kapitalismus ständig bereithält, nicht zu einer kritischen Hinter-fragung des gesamten Systems führen. Der Leitsatz „das, was gut für Deutschland ist, ist gut für alle“ wird somit zu einem zentralen Argument von Politiker_innen, wenn es darum geht, Kürzungen bei Sozial-leistungen oder Löhnen zu rechtfertigen. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch der Beschluss einer Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte, die während der Fußball-WM 2006 stattfand und somit im Fußballtaumel kaum wahrgenommen wurde.
Das vermeintliche Interesse der konstruierten Nation steht also über dem Interesse der einzelnen Individuen. Die Menschen sollen bereit sein, für die Nation Opfer zu bringen und dabei die eigenen Interessen zurückzustellen. Für den Staat, der dafür verantwortlich ist, das kapital-istische System am Laufen zu halten, ist dies besonders wichtig in Krisenzeiten, weil dann von den Menschen besonders große Opfer verlangt werden.

Ist der Nationalismus in anderen Ländern nicht genauso schlimm?

Neben dem deutschen Nationalismus ist auch solcher in anderen Ländern abzu-lehnen. Doch deutscher Nationalismus hat schon einmal zu einer bis dato unvorstellbaren Dimension von menschenverachtender Grausamkeit geführt.
Bereits im Rahmen der „deutschen Revolution“ im Jahr 1848, die als Meilenstein für die Entstehung der Demokratie in Deutschland gilt, zeichneten sich die Proteste der nationalen Kräfte gegen die Monarchie häufig auch durch eine antijüdische Einstellung aus. So fanden bereits in diesem Kontext erste Bücherverbrennungen im ländlichen Raum statt. Die nationalen Kräfte bestanden aus dem national-liberal orientierten Bürgertum (hier sind insbesondere auch die Burschenschaften zu nennen) und der alten Elite, dem Adel. Es wird diesbezüglich von der „Frühphase des Antisemitismus in Deutschland“ gesprochen.

Mit dem Beginn zweier Weltkriege und vor allem mit dem Holocaust (Begriffserklärung) im deutschen Faschismus hat sich Deutschland ein historisch einmaliges Denkmal gesetzt, das in keiner Art und Weise als positiver Bezug für eine Nation dienen kann. Deutscher Nationalismus hat es damit schon einmal auf Grund der Abwertung von Menschen, die nicht der Gruppe angehörten, grausam auf die Spitze getrieben. Mit Blick auf die besondere Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert, ist der deutsche Nationalismus ganz besonders zu kritisieren.
In diesem Kontext zu sehen ist auch die immer wieder über die Medien angetriebene Debatte, endlich einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte bis 1945 zu ziehen. Dies dient häufig als Argumen-tationsgrundlage für einen unbefangenen Patriotismus. Im Zuge des Versuchs der Aufarbeitung der Ereignisse im deutschen Faschismus ist seit dem Jahr 2005 ein Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden in Berlin der Öffentlichkeit zugänglich. Diese Form der Errichtung von Mahnmalen kann unter dem Stichwort „Erinnerungskultur“ zusammengefasst werden. Mit dieser Erinnerungskultur soll nach außen hin gezeigt werden, dass man sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetze und gerade deshalb wieder einen neuen, unbefangenen Patriotismus ausleben dürfe. Insbesondere weil dieser Teil der deutschen Geschichte bald nicht mehr zur unmittelbaren Zeitgeschichte gehören wird, besteht die Gefahr, dass mit der Schlussstrichdebatte die Einzigartigkeit dieses grauenvollen Ereignisses in Vergessenheit gerät.

Was ist eigentlich Patriotismus?

Patriotismus bedeutet „Vaterlandsliebe“ und im Unterschied zu Nationalismus wird Patriotismus als die „weiche“, gute und gefühlsgeleitete Liebe zum Vaterland ausgelegt.
Auch beim Patriotismus gilt zwar die eigene Nation als das höchste Gut. Im Gegensatz zum Nationalismus gebe es aber das Zugeständnis, dass auch andere Nationen deren eigene als höchstes Gut ansehen können. Es wird argumentiert, dass der Patriotismus die eigene Nation nicht über die anderen Nationen stelle, wodurch versucht wird zu begründen, dass Patriotismus keine politische Brisanz besitzt.
In Deutschland wird Patriotismus häufig als die Wertschätzung des deutschen Grundgesetzes und der darin festgelegten Grundsätze definiert. Dies wird als Verfassungspatriotismus bezeichnet. Bezug genommen wird hierbei immer auf die Demokratie und die soziale Sicherheit als besonders wertvolle Eigenschaften der deutschen Nation.
Grundsätzlich gemeinsam bleibt Patrio-tismus und Nationalismus aber der Stellen-wert der Nation als solches, die „Idee der Nation“. Die Nation ist auch beim Patriotismus ein notwendiges Konstrukt, welches über den individuellen Bedürfnissen und Interessen der einzelnen Individuen steht und damit seinen Sinn im kapitalistischen System erfüllt. Auch Patriotismus ist also kein harmloses Phänomen, sondern beinhaltet immer die Akzeptanz von nationalen Konstruktionen und somit von verschiedenen Ausgrenzungsmechanismen.
Im Zuge der Fußball-WM 2006 sprachen einige von einem verbreiteten Party-Patriotismus, der grundsätzlich begrüßenswert sei. Endlich könnten sich die Menschen wieder ungezwungen mit Deutschland identifizieren. Vergessen wird dabei allerdings, dass auch ein solcher Party-Patriotismus eben auf jener beschriebenen Ausgrenzung, also „Du bist Deutschland“ und die anderen nicht, beruht. Eine Studie von Wissenschaftler_innen aus Bielefeld, die nach der Weltmeisterschaft 2006 durchgeführt wurde, hat herausgefunden, dass während der vier WM-Wochen die nationalistischen Einstellungen in der Bevölkerung deutlich angestiegen sind. Die Wertschätzung von Demokratie, also der Verfassungspatriotismus, hat hingegen im gleichen Zeitraum sogar abgenommen. Die schwarz-rot-goldene Feierlaune hat also keineswegs etwas mit „unverkrampftem“, ungefährlichem Patriotismus zu tun. Vielmehr versteckt sich dahinter die große Gefahr der Normalisierung von nationalistischen Einstellungen in Deutschland.
Die gemeinsame Nation soll ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen, damit Enttäuschungen, die der Kapitalismus ständig bereithält, nicht zu einer kritischen Hinter-fragung des gesamten Systems führen. Der Leitsatz „das, was gut für Deutschland ist, ist gut für alle“ wird somit zu einem zentralen Argument von Politiker_innen, wenn es darum geht, Kürzungen bei Sozial-leistungen oder Löhnen zu rechtfertigen. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch der Beschluss einer Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte, die während der Fußball-WM 2006 stattfand und somit im Fußballtaumel kaum wahrgenommen wurde.
Das vermeintliche Interesse der kon-
struierten Nation steht also über dem Interesse der einzelnen Individuen. Die Menschen sollen bereit sein, für die Nation Opfer zu bringen und dabei die eigenen Interessen zurückzustellen. Für den Staat, der dafür verantwortlich ist, das kapital-istische System am Laufen zu halten, ist dies besonders wichtig in Krisenzeiten, weil dann von den Menschen besonders große Opfer verlangt werden.

quelle

Advertisements

Blog Stats

  • 15,458 hits

Twitter Updates

September 2017
M D M D F S S
« Aug    
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930